Das

 

Haus zum Maulbeerbaum

 

Landau, Marktstraße 92

 

 

 

Zur Geschichte des Hauses und des Ortes

 

1984 wurde das ehemalige Gasthaus „Zum Maulbeerbaum“ in der Landauer Marktstraße 92 unter Denkmalschutz gestellt  und 2002 von der Stadt erworben – aus gutem Grund. Sowohl aus bauhistorischer Sicht wie mit Blick auf die Ereignisgeschichte des Ortes ist das Anwesen von herausragender Bedeutung für Landau.

 

Die Geschichte des Ortes spannt einen weiten Bogen von der Gründerzeit der Stadt im letzten Viertel des 13. Jahrhundert  über den politisch-religiösen Umbruch beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit bis hin zur jüngeren Zeit als Zeugnis deutsch-jüdischer Geschichte im 19. und 20.Jahrhundert.

 

 

 

Eine ereignisgeschichtliche Zeittafel

 

Mittelalter: Vom Adelshof zur Gastwirtschaft und städtischen Herberge

 

1287: Ritter Theoderich von Laufensel und seine Gemahlin Gutha, die hier einen der Adelshöfe in Landau besitzen, vermachen dem Prior Johannes der Augustinerchorherren des Steigerherrenklosters in Landau (Stiftskirche) einen jährlichen Zins aus dem Ertrag ihres Hofes.

 

1322:   Die Augustinerchorherren veräußern ihren Zins vom Hof „zu dem Mulebaume“  an das Kloster Eußerthal. Der hier erstmals in einer Quelle belegte Name der Hofanlage  hat sich über die Jahrhunderte hinweg bis heute für das Haupthaus erhalten.  Ab diesem Datum gehen die meisten Autoren davon aus, daß sich der Hof im Besitz des Klosters Klingenmünster  befindet.

 

1488:  Das Kloster, das offensichtlich in Geldnöten ist, verkauft den “hoff zum Mulbawm“  an die Stadt Landau. Diese gestaltet den Hof zur städtischen Herberge und zum Gasthaus für die Bewirtung ihrer Gäste um. Den Betrieb legt sie in die Hände von Pächtern.

 

Das zwischen 1495 und 1510 angelegte „Pfennigbüchlein“, in dem die Steuerpflichtigen der Stadt aufgelistet sind, verzeichnet einen Erhart Mulbaume als Mitglied der Wirtszunft. Es ist anzunehmen, daß er Wirt im „Maulbeerbaum“ ist. Die Namen 10 weiterer Pächter und Wirte sind überliefert.

 

Beginn 16.Jh. : Ort politischer  Versammlungen von Rittern

 

1516: Vom 21. bis 23.Oktober hält der „Drachenfels-Bund“, ein Zusammenschluß von Ganerben der Burg Drachenfels und dem benachbarten Adel des Wasgaus, sein jährliches Treffen im „Maulbeerbaum“ ab. Es ist wahrscheinlich nicht das erste Mal, daß die Ritter hier tagen. Da der Bund „spennig“, d.h. uneins ist, kommen diesmal nur wenige. Laut Ratsprotokoll sind 10 Ritter anwesend. Der Rat der Stadt spendiert „2 ½ Ohm guten Wein“ (270 Liter).

 

Von Sickingen ist nicht dabei, denn die Stadt gewährt dem von Kaiser Maximilian I. - wegen seines gewalttätigen Eingreifens in den Konflikt des Bischofs von Worms mit der Reichsstadt Worms -  in die „Acht“ erklärten kein freies Geleit. Der so ausgeschlossene von Sickingen rächt sich im Mai  und Juli 1517 mit Raub an Landauer Viehherden und Plünderungen in Nußdorf und Dammheim.

 

1521: Vom 14. bis 6.Januar versammeln sich etwa 70 Ritter aus dem Wasgau im „Maulbeerbaum“. Angekündigt waren über 500. Der Rat der Stadt läßt wieder 270 Liter Wein in den “Maulbeerbaum“ bringen, die von hier auch auf die anderen Herbergen  verteilt werden, in denen Ritter untergebracht sind - wie z. B. in der „Herberge zum Bart“ , Marktstraße/Nußbaumgasse. Vermutlich geht es den Rittern darum,  ihre Standesinteressen betreffende Fragen zu behandeln und den für 1522 geplanten Rittertag vorzubereiten.

 

Vor dem Hintergrund erstarkter Landesfürsten, kapitalkräftiger Städte und aufkommender Söldnerheere hat die Ritterschaft ihre frühere militärische Bedeutung eingebüßt. Dieser Verlust geht einher mit geringerem politischen Einfluß und schwindenden ´legalen` wirtschaftlichen Einkommensquellen. Ziel der Ritter ist es, die Machtfülle der Fürsten einzuschränken, die Stellung der Ritterschaft wieder zu stärken und die Kirche im Sinne Ulrich von Huttens und Martin Luthers zu reformieren. Landau bietet sich deshalb als Tagungsort an, weil zu jener Zeit Bürgerschaft und Magistrat unter dem Stadtpfarrer Johann Bader im Begriff sind, sich der Lehre Luthers anzuschließen.

 

1522: Im August treffen wesentlich mehr Ritter zusammen, ob jedoch die gelegentlich genannte Zahl von 500 oder 600 rheinischen, schwäbischen und fränkischen Rittern erreicht wurde, ist nicht belegt.

 

Die Versammelten gründen eine brüderliche Vereinigung, den „Landauer Bund“, wählen Franz von Sickingen (1481-1523) zu ihrem Bundeshauptmann und hinterlassen eine Denkschrift. Diese ist weniger ein politisches Programm, als eine rechtliche und organisatorische Regelung des ritterlichen Zusammenlebens: Fehdeverbot der Mitglieder untereinander, Hilfe bei Angriff von Nichtmitgliedern, Verfahren zur Regelung von Streitfällen untereinander. Das Abkommen soll auch weltlichen Ständen offenstehen, nicht jedoch den geistlichen Fürsten.

 

Die Ziele des Bundes werden nicht umgesetzt, er zerfällt mit dem Tod von Sickingens. Der „letzte Ritter“ (Ferdinand Lassalle) erliegt am 7.Mai 1523 den Verletzungen, die er im „Pfaffenkrieg“ gegen das Kurfürstentum und Erzbistum Trier erlitten hat. Der Kampf der Ritterschaft, ihre vormalige Bedeutung zurückzugewinnen, scheitert.

 

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16. bis 17. Jh.: „Nobelherberge“ für hochrangige Gäste der Stadt

 

Verschiedene Darstellungen der Stadtgeschichte legen nahe, daß mehrfach hochrangige Persönlichkeiten des Adels und regierende Häupter  im „Maulbeerbaum“ nächtigten und dort bewirtet wurden. Chronisten der Stadtgeschichte wie Johann von Birnbaum (1830), Johann Georg Lehmann (1851), Eduard von Moor (1866) u.a. beschreiben solche als Gäste der Stadt. Sie erwähnen aber nur bei einigen „die Herberge“ als Ort von Unterkunft und / oder Bewirtung oder nennen den „Maulbeerbaum“ beim Namen.

 

Spätere Autoren vermuten aufgrund der Tatsache, daß der „Maulbeerbaum“ eine städtische Einrichtung war, daß auch nicht direkt im Zusammenhang mit „der Herberge“ genannte Persönlichkeiten oder zumindest deren Gefolge dort untergebracht und / oder bewirtet wurde(n).

 

Es werden genannt:

 

1508: Als Kaiser Maximilian I. sich in Landau aufhält und im Helmstädter Hof (Königstraße/Martin-Luther-Straße) logiert, wird vermutet, daß sich die übrige adelige Begleitung im „Maulbeerbaum“ aufhält.

 

1552: Ähnlich verhält es sich im Falle Karls V., der mit seinem Heer 16 Tage in der Stadt und Umgebung weilt.

 

1570: Prinzessin Elisabeth, Tochter von Maximilian II., hält sich mit Gefolge und 1500 Pferden in der Stadt auf. Die „Zeche“ der Prinzessin  in „der Herberge“ wird von der Stadt beglichen.

 

1573: Der König von Polen (das ist der französische Kronprinz Heinrich von Capet-Valois) - in Begleitung von Pfalzgraf Christoph und vielen Adeligen, 1300 Pferden -  „erhielt die schuldige Verehrung“ von der Stadt.

 

1579: Herzog Wilhelm von Jülich sowie der Pfalzgraf Johann Casimir mit Gefolge übernachten auf Kosten der Stadt; es wird angenommen, daß die Bewirtung im „Maulbeerbaum“ erfolgte.

 

1622: Friedrich I., König von Böhmen (das ist Kurfürst Friedrich V. der Pfalz, Protestantische Union), kommt  auf seiner Flucht vor den Truppen Kaiser Ferdinand II. (Katholische Liga) nach Landau. Er oder Teile seines Gefolges könnten sich im Maulbeerbaum aufgehalten haben.

 

Die 1880  vom Hauseigentümer der Westbahnstr.28, dem Schirmfabrikanten Heinrich Unruh, in Auftrag gegebenen Terrakotta-Köpfe an der Hauswand erinnern bis heute an  diese illustren Gäste der Stadt aus Ritterschaft und hohem Adel.

 

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Spätes 17. bis 19. Jh.: Private Gastwirtschaft unter Holtzhausers

 

1671: Der Maulbeerbaum geht für zwei Jahrhunderte in das Eigentum des Kirrweiler Metzgers, Heinrich Holtzhauser, seiner Nachfahren und eingeheirateter  Miterben über. Daniel Holtzhauser (Heinrichs Bruder oder Sohn) beginnt mit der Bewirtschaftung. In der Folgezeit wird sie durch Pächter oder  eigene und eingeheiratete Familienmitglieder fortgeführt. Mehrere von ihnen sind ebenfalls Metzger und betreiben auch Viehhandel (siehe Stallungen auf dem Anwesen).

 

1674: Generalleutnant de Vaubrun läßt 55 kurpfälzische Gefangene auf Kosten der Stadt unterbringen. Ferner  wird das Gebäude zur Unterbringung von Soldaten und Offizieren genutzt.

 

1689: Der „Maulbeerbaum“ ist wie die benachbarte „Herberge zum Bart“ eine der Ausbruchsstätten des großen Brandes von Landau. Ob das Gebäude durch den Brand fast gänzlich zerstört oder nur schwer beschädigt wird, steht noch auf dem Prüfstand.

 

1693: Heinrich Holtzhausers Sohn Johann Stephan läßt wieder aufbauen und “in seinem neuen Hauß eine rechtschaffene steinerne Schnecken verfertigen“ (die Wendeltreppe).

 

1712ff: Wahrscheinlich unter Johann Eichborn, verheiratet mit Eva Maria Holtzhauser, wird der Gebäudekomplex um eine Brauerei und (laut von Nida) um ein „Komödienhaus“ erweitert.

 

19. Jahrhundert.: Wie in anderen Gasthäusern finden auch im „Maulbeerbaum“ Versteigerung statt und werden Vorführungen geboten: so eine Sammlung von Amphibien, Schlangen, Nil-Krokodilen und „indianischen Buschmenschen“ mit „erstaunlichem Haarwuchs“ oder stereoskopische Darstellungen von Landschaften, Städten, Szenen aus Geschichte und Familienleben.

 

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 1844: Die Erben von Philipp Georg Schneider und Maria Catharina Holtzhauser bieten im „Gasthaus zur Blume“ neben zwei weiteren Häusern das „Wirtshaus zum Maulbeerbaum“ mit Nebengebäuden und Zubehör zur Versteigerung an – zunächst ohne Erfolg.

 

1859: Die Stadt läßt eine Gedenktafel mit Daten zur historischen Bedeutung des „Maulbeerbaums“ anbringen, die 1956 erneuert wird.

 

1865: Die Witwe und die Kinder des Wirtes Johann Jacob Schneider bieten den „Maulbeerbaum“  zur Versteigerung an: dreistöckiges Wohnhaus mit Hof, Brauhaus, Kellern, Stallung, Scheuer, Holzremise, Garten, Brunnen und „sonstigem Zugehör“. Die Witwe von Schneider zahlt aber noch bis 1868/69 die Haussteuer.

 

 

 

Ende 19. bis 20.Jh.: Gastwirtschaft und Kolonialwaren-Großhandlung der Familien Dannheisser

 

1873: Die Brüder Joseph und Salomon Dannheisser, Kaufleute und angesehene Mitglieder der jüdischen Gemeinde Landaus,  erwerben das Areal für 15 000 Gulden und nutzen es als Lager für ihre Lebensmittelhandlung mit Sitz in der Westbahnstr.24. 1895 wandeln die Söhne Salomons, Oskar und Otto, das Geschäft in eine Kolonialwaren-Großhandlung mit eigener Kaffeerösterei um und entwickeln sie zu einem modernen und bedeutenden Betrieb der Pfalz.

 

1896: Die Tradition des Gastbetriebes wird im Erdgeschoß wieder aufgenommen und von (häufig wechselnden) Pächtern betrieben und im 1.Stock um ein Café mit Billard und  „koscherem Essen“ erweitert, das Salomon mit seinem Sohn Otto bis 1901 führt. Eine Fremdenbeherbergung ist angestrebt, wird aber nicht ausgeführt, sondern Wohnungen für Pächter und andere Mieter im 1. und 2. Obergeschoß eingerichtet. Es finden Umbaumaßnahmen statt.

 

1914: Es erfolgt der Anbau eines massiven dreigeschossigen Lagerhauses, das mit seinem Treppenhaus im Westen unmittelbar an das Gaststättengebäude heranreicht.

 

1922: Mit dem Tod von Anna Dannheisser, der Witwe von Salomon, erlischt die Gaststättenkonzession und wird wegen fehlender Raumhöhe nicht erneuert. Das Inventar wird versteigert. Damit endet die Tradition des Hauses als Gaststätte, es wird aber weiterhin als Mietshaus genutzt.

 

1932: Der wirtschaftliche Erfolg in der Nachkriegszeit hat  die Lager- und Geschäftsräume für die Kolonialwaren-Großhandlung im „Maulbeerbaum“ zu klein werden lassen. Die Firma kauft das Geschäftsgebäude im Nordring 37 und verlegt den Betrieb dorthin.

 

1937/38: Als Ergebnis der judenfeindlichen Politik wird das Anwesen an der Marktstraße aufgeteilt und 1937/38 von „arischen“ Käufern erworben.

 

Die Familien Dannheisser flüchten in die USA, nach Südafrika und Mosambik.

 

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Der „Maulbeerbaum“ unter Denkmalschutz

 

1984: Die Stadt stellt das Gebäude des ehemaligen Gasthofs unter Denkmalschutz.

 

2001: Das Haus ist im Besitz der Wiesbadener Glaser-Baubetreuungsgesellschaft mbH.

 

2002: Die Stadt erwirbt den ehemaligen Gasthof „Zum Maulbeerbaum“, veranlaßt 2003 eine bauhistorische, bautechnische und restauratorische Untersuchung als Grundlage für ein Sanierungskonzept und leitet Sicherungsmaßnahmen ein.

 

2011: Gründung des „Vereins der Freunde des Hauses zum Maulbeerbaum“, der sich für den Erhalt des Hauses einsetzt und für seine öffentliche und gemeinnützige Nutzung Vorschläge unterbreitet.

 

2013: Das von der Stadt beauftragte Architekturbüro „dury et hambsch“ legt Nutzungskonzepte vor. Im November beschließt der Bauausschuß bei 2 Gegenstimmen, die Entscheidung über die Zukunft des Hauses um ein Jahr zu verlängern und sich in der Zwischenzeit um einen Investor zu bemühen. Wird bis Ende 2014 kein Investor gefunden, soll der Abriß erfolgen.

 

2014: Im Juli beauftragt der Verein eine Restauratorin mit der Freilegung von Wandmalereien im 1. Obergeschoß des Gebäudes. Die Restauratorin legt an der Fensterlaibung im großen Saal einen mit Ornamenten versehenen Schriftzug frei, der sich als Zitat aus der Lutherbibel erweist: „Und sie reden giftig wider mich allenthalben und streiten wieder mich ohne Ursach.“ Es gibt Hinweise, daß der Schriftzug aus spätgotischer Zeit stammen könnte. Sollte dies zutreffen, wäre das Haus durch den Stadtbrand von 1689 weit weniger zerstört worden und damit in Teilen deutlich älter als bislang angenommen.

 

Dieser Umstand veranlaßt die zuständigen Denkmalschutzbehörden, der Stadt als Eigentümerin aufzuerlegen, die Fresken weiter zu untersuchen und zu dokumentieren.

 

Die Stadt kommt dem Verlangen nach und stellt im November zu diesem Zweck einen Betrag von 100.000 Euro in den Haushalt 2015 ein und stockt die Mittel für die Standsicherungsmaßnahmen auf.

 

2015: Im Mai räumt die Stadt dem Verein eine Frist von 18 Monaten ein, damit dieser seine Vorstellungen zur Rettung des Gebäudes mittels einer zu gründenden gemeinnützigen Genossenschaft in die Tat umzusetzen und ein Finanzierungs- und Nutzungskonzept  entwickeln kann.

 

Am 23.Juli findet im Rathaus die Gründungsversammlung der Genossenschaft „Haus zum Maulbeerbaum“ statt. Für die nächste Zeit steht das Ziel im Vordergrund, das für die Sanierung des Hauses nötige Eigenkapital von 820.000 Euro durch Werbung um Genossenschaftsmitglieder und Sponsoren aufzubringen. Die Landauer Bürger sind aufgerufen: Gemeinsam bewahren!

 

Dr. Marie-Luise Kreuter  Oktober 2015

 

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